Der Ziegelbrenner
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Sozialrebell, Geldfälscher, Bankräuber, moderner Robin Hood – die Liste der Titel, mit denen Urtubia beehrt wurde, ist lang. Seine Maxime: Besitz ist Diebstahl, und Banken sind die grössten Diebe. Urtubias Leben, das wie ein Abenteuerroman klingt, ist ein Spiegel der libertären revolutionären Bewegungen Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Man fragt sich, wie ein Mensch in einem einzigen prallvollen Leben derart viel erleben kann. „Leben heisst für Lucio Arbeit, kreatives Schaffen, Aktion“, steht treffend im Vorwort. Urtubia bekam seine politische Prägung vor allem durch den antifranquistischen Widerstandskämpfer Francesc „El Quico“ Sabaté, der, wie er sagt, wie ein Vater für ihn gewesen sei. Als Sabaté 1951 in Frankreich festgenommen wird, bekommt Urtubia die Waffen zur Aufbewahrung. Legendär ist, wie Lucio Urtubia von der Citibank mit gefälschten Schecks Millionen ergaunerte und, da die Bank die öffentliche Aufmerksamkeit scheute, mit wenigen Monaten Knast davonkam – und sogar noch eine zusätzliche grosse Geldzahlung gegen die Herausgabe der Druckplatten aushandeln konnte. Doch: „Das viele Geld, das er auf illegalen Wegen beschaffte, war für die Solidarität bestimmt, nicht für private Zwecke“ (Vorwort). Ungezählt die – auch bewaffnet kämpfenden – Gruppierungen, die er unterstützte, darunter etwa die Tupamaros und die ETA. Die baskische Band Betagarri widmete ihm ein Stück. Daneben erzählt Lucio Urtubia hier auch von den vielen bemerkenswerten Begegnungen, die er ihm Leben hatte, etwa mit dem Fotografen Henri Cartier-Bresson, der sich noch hochbetagt zur Anarchie bekannte; Urtubia organisierte eine Ausstellung Cartier-Bressons mit. Freilich, sein Arbeitsethos – Urtubia arbeitete noch mit über 70 Jahren als Maurer – mag viele Linke, die „Das Recht auf Faulheit“ von Marx-Schwiegersohn Paul Lafargue lasen, irritieren; es ist das heute scheinbar noch aus einer anderen Arbeitswelt herrührende Ethos des unabhängigen Handwerkers, das Urtubia prägte: von niemanden abhängig und nicht korrumpierbar zu sein. „Die Utopie als solche existiert nicht. Sie entsteht erst, wenn wir sie leben, wenn wir das Unmögliche tun“ (S.222), so Urtubia – und doch befremdet es, wenn er ausgerechnet die Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten als Beispiel von etwas Unmöglichen nennt, das doch möglich wurde. „Vielleicht wird mein Leben so ein bescheidener Beweis dafür, dass die libertären Ideen lebendig sind und das Leben lebenswert machen“, mit diesen Worten beendet Urtubia seine Erinnerungen. (Gerald Grüneklee)
sehr gut erh., 300 S., kt.
Urtubia Lucio
Berlin, Hamburg, Göttingen
2010
3-935936-84-2
Assoziation A